
Wer wollte das nicht schon immer mal sein? Bauer (ja ja: Agricola ist lateinisch und heißt Bauer)! Keine Sorgen – schöne Landschaft – kein Streß… Aber weit gefehlt! Einmal Agricola gespielt und schon weiß man, daß Bauer sein gleichbedeutend ist mit dem Kampf ums Überleben.
Agricola erstmals vorgestellt auf der Spiele Messe in Essen 2007 hat bei der Fairplay Scoutaktion den 2. Platz belegt und sich schnell in die Herzen der Spieler gegraben.
Agricola ist ein tolles Aufbauspiel, bei dem es darum geht aus seinen zwei Startfiguren (Bauer und Bäuerin), die in einem kleinen aber feinen Lehmhaus leben einen prosperierenden Hof zu gestalten. Dafür hat man sage und schreibe 14 Runden Zeit. Und pro Spieler soll das gerade mal 30 Minütchen dauern… Wir werden sehen.
Als ich das Spiel auf der Messe erwarb warnte mich der nette Verkäufer (er wußte was ich meine, obwohl ich den Namen des Spiels falsch ausgesprochen hatte: hinten eher wie Cola mit Betonung des “g” bei Agri – ist falsch, statt wie Ricola – wer hats erfunden – ist richtig) gleich vor: “Achtung! Ist schwer”. “Puhhh, stimmt” – gefühlte 5 Kilo landeten in meinem nicht ganz reißfesten Ostfriesenrucksack (Plastiktüte). Beim Auspacken zuhause war dann die Überraschung auch nicht mehr so groß über das wirklich ausufernde Spielmaterial. Mehr Counter als ein Hex und Counter Spiel, mehr Karten als ein Card Driven Spiel und dazu noch eine Unzahl von Spielbrettern. Da ist es ja leichter das Eternity II Puzzle (für das es immerhin für den Ersten, der es löst 2 Millionen Dollar Preisgeld gibt) zu lösen, als diese doppelseitig bedruckten Spielpläne beim ersten Mal sinnvoll aneinander zu legen.
Hat man aber auch das geschafft, geht es ans Regellesen. Bitte nicht hinten anfangen. Punkt 1: Sinds die Augen – geh zu Fielmann… das ist wirklich so klein geschrieben, daß man sich Weihnachten eventuell mal Gedanken darüber machen sollte auf dem Wunschzettel noch eine Lupe unterzubringen. Punkt 2: Das muß man alles nicht auswendig lernen, was da mikroskopisch klein und mit Nanobuchstaben zu den einzelnen Karten geschrieben steht. Das muß man eventuell nur noch einmal bei Unklarheiten während des Spiels nachlesen. Um es gleich vorweg zu nehmen: Die Karten waren in unserer Spielrunde selbsterklärend – wir brauchten kein Augenpaar zu opfern.
Noch ein Tipp: Ehe man dann die ersten Spielrunde mit befreundeten Bauern und Bäuerinnen einberuft sollte man vielleicht mal die Solitär-Version spielen. Die übrigens auch richtig Spaß macht und mit einer handvoll Extraregeln auskommt. Nach dem Solospiel hat man die Regeln wenigstens richtig verstanden (die Anleitung ist zwar nicht schlecht – aber auch nicht perfekt) und konnte schon einmal üben…
Um vorweg noch eine Kritik loszuwerden: Die Farben, die in der Anleitung für die verschiedenen Rohstoffe, Tiere, … in der Regel angegeben werden decken sich zumindest in meinem Spiel nicht mit den tatsächlichen Farben des Spielmaterials. Das ist unschön, wenn auch verschmerzbar und teilweise während des Spiels irritierend, da es halt ein paar mehr Rohstoffe im Spiel sind.
Wie funktioniert Agricola (Kurzform)
Agricola ist ein klassisches Aufbauspiel. Man beginnt mit Wenig – verwaltet Mangel und versucht Runde für Runde Voraussetzungen zu schaffen, um später grandios zu punkten. Das heißt aber auch, daß das Timing wichtig ist. Alle Spieler haben zu Beginn die bereits erwähnten zwei Personen. Zwei Personen = 2 Aktionen pro Spielrunde. Zusätzlich hat man die Hand voll mit 7 Ausbildungskarten und 7 kleinen Anschaffungen.
Anmerkung: Von diesen Karten gibt es übrigens so viele, daß man zu 99,9% in einem Menschenleben nie die gleichen Agricola Partien erleben wird. Danke an dieser Stelle an den Verlag hier von der immer üblicher werdenden “Erweiterungspolitik” abzuweichen und das Spiel gleich richtig auszustatten.
Zusätzlich liegen noch große Anschaffungen offen aus.
In diesem Mikrokosmos setzt man jetzt Runde für Runde seine Figuren auf Aktionsfelder und führt die jeweilige Aktion aus. Jede Spielrunde kommt eine neue Aktion hinzu (die Reihenfolge ist hierbei zufällig aber nach Spielphasen vorsortiert). Im Laufe des Spiels versucht man auf seinem Spielplan (jeder Spieler hat seinen eigenen Hof, den er entwickelt) neu Hütten zu bauen, Acker zu pflügen, Getreide oder andere Dinge auszusähen und natürlich auch Nachwuchs zu generieren. Hat man dann Nachwuchs, so hat man auch mehr Aktionen. Das ist einerseits natürlich toll – andererseits fressen einem die Bälger natürlich die Haare vom Kopf. Denn nach einer bestimmten Anzahl von Spielrunden wollen alle Personen am Hof Essen fassen (im Spiel Nährwerte oder kurz NW genannt). Woher nehmen und nicht stehlen. So lange man über seinen Hof und die Aktionen genügend NW gesammelt hat (2 pro Person – im Solospiel 3 pro Person) ist alles schick, zufrieden und satt. Wenn nicht muß man die Kinder betteln schicken – als Eltern ist einem das dann doch eher peinlich. Jede Bettelkarte (pro fehlenden NW eine) zählt am Ende des Spiels 3 Minuspunkte.
Das ist hart. Konzentriert man sich zu sehr auf die Beschaffung der NW, bleiben vielleicht wichtige Grundlagenschaffungen in den ersten Runden auf der Strecke. Dann sind zwar alle satt – aber auch irgendwie unnütz. Die richtige Balance zu finden ist die Kunst. Und obwohl es eigentlich immer genügend Aktionsfelder gibt – sind die meisten Aktionen nur einfach vertreten und werden komischerweise von allen Spielern in den gleichen Spielphasen begeiert. Doof, wenn das gewünschte Aktionsfeld mal wieder belegt ist.
Mit den Ausbildungs- und Anschaffungskarten kann man seine Personen übrigens aufwerten – ja ja, nicht unbedingt wie im richtigen Leben, wo manchmal selbst die beste Ausbildung niemanden beeindruckt. Aber wir sind hier auf dem Lande – da ist die Welt noch einfach und pragmatisch. Nett ist auch, daß die kleinen Anschaffungen nach dem Ausspielen nicht immer auf dem Ablagestapel landen, sondern teilweise an den linken Nachbarn weitergegeben werden.
Am Ende der 14. Runde wird die Endabrechnung gemacht. Hier zählen dann die Einrichtungen des Hofs, die Tiere, die Pflanzen, die Punkte auf den ausgespielten Ausbildungs- und Anschaffungskarten, … Eigentlich zählt so nahezu alles. Es gibt sogar Minuspunkte für nicht bebaute Felder und natürlich für die in den schlechten Zeiten und bis zum Spielende längst vergessenen Bettelkarten.
Fazit
Trotz der nicht ganz optimalen Spielregel kommt man schnell in die Abläufe des Spiels rein. D.h. aber noch lange nicht, daß man von der ersten Runde an weiß, was man sinnvollerweise tun sollte. Da ist erst einmal rumprobieren angesagt. Das Spiel macht es einem auch nicht gerade einfach. Zu viele Aktionen scheinen sinnvoll. Und dann entwickelt sich auch alles so mäßig. Wir haben unsere Höfe eigentlich erst in den letzten beiden Runden richtig zugebaut bekommen. In die: “Wir managen einen fertigen Hof”-Phase kamen wir gar nicht. Auf jeden Fall hat es allen Riesenspaß gemacht. Ich denke auch die Abwechslung wird gegeben sein, da eine Vielzahl von Karten im Spiel sind.
Agricola macht übrigens in jeder Besetzung Spaß. Wenn mehr Spieler spielen, werden vom Start an zusätzliche Aktionsfelder einbezogen.
Die Karten sind übrigens in drei Deckarten eingeteilt. Wir haben gleich alle gemischt. Dabei empfanden wir aber die Stärke der einzelnen Karten als teilweise nicht ausgeglichen. Da hatte Martin die Karte, mit der er sofort eine Person dazubekommt, die zwar in der Endwertung nichts zählt und ernährt werden muß – ihm aber andererseits sofort eine Aktion pro Spielrunde mehr ermöglicht. Normal kommt man zu einer zusätzlichen Person aber erst viel später im Spiel – nämlich wenn die entsprechende Aktionskarte aufgedeckt wird. Und das war bei uns auch noch am Ende der entsprechenden Spielrunde… Also vorsicht bei der Kartenauswahl!
Dir könnte das Spiel gefallen, wenn Du
empfohlene Spielerzahl: funktioniert in jeder Besetzung gut (auch Solitär)
Hier noch ein Video:
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# ferion on November 2nd, 2007
….von 0 in meine “ewige Spielebestenliste”-Top Ten. Die wird zwar immer noch von Puerto Rico und Caylus angeführt, aber was in Agricola m.E.definitiv besser ist als bei den beiden vorgenannten: durch die immense Anzahl von Karten, die dem Spiel beiliegen (mehrere Hundert Sück von denen jeder Spieler pro Spiel 14 zur Auswahl hat) sind die daraus ableitbaren Strategien mit sicherheit vielfältiger (Beurteilung nach mittlerweile 12 Partien).
Mit abstand das beste Spiel, was ich in 2007 neu gespielt habe.
# ingo on November 2nd, 2007
hallo,
ich bin ja auch sehr gespannt auf das Spiel und werd’s mir auf Dauer auch sehr wahrscheinlich zulegen, aber jetzt gerade hört es sich für mich nach einem “bis 5 Spieler spielen solitär nebeneinander her” an. Gibt es irgendeine Art von Interaktion? Oder warten alle anderen, bis der eine fertig ist mit seinen Aktionen um dann der Reihe nach den anderen seine Aktionen vorzuspielen?
# Sankt Peter on November 2nd, 2007
Hallo ingo,
das ist Ansichtssache. Die Interaktion erfolgt z.B. dadurch, daà man durch das Wählen von Aktionen anderen Mitspielern diese Aktion für die aktuelle Runde wegnimmt. Genauso bei dem Kauf von groÃen Anschaffungen.
Am Ende würde ich zusammenfassend sagen , daà die Interaktion so ungefähr wie bei Caylus ist.
# Mat on November 5th, 2007
Mal wieder eine erfrischend witzige Rezension. Bin immer erstaunt, woher du die kleinen Gags hernimmst, ohne dass es öde wird
.
Bin auch sehr gespannt auf das Spiel; es gefällt mir, dass es auch solitär zu spielen ist, denn nicht immer hat man jemanden zum Spielen gerade verfügbar.
# Pyrrhus on November 5th, 2007
Welche Karte soll das denn gewesen sein, die dem Mitspieler sofort eine weitere Person ermöglicht hat? Mir fiele da nur der Gast ein, aber den gibt es nur einmal und er wird auch an den linken Nachbarn weitergegeben, so daà mir jetzt nicht einfällt, warum dies eine Unausgeglichenheit des Spiels produzieren sollte.
# admin on November 5th, 2007
Die lustige Schilfhütte war die Karte. Glaub mir: Wir anderen Spieler haben die jeder 10 Mal durchgelesen…
# Pyrrhus on November 5th, 2007
Aus dem Kopf heraus (habe die Karte jetzt nicht vorliegen), kostet die Schilfhütte aber doch auch 4 Schilf und 1 Holz oder so ähnlich. Also im Prinzip nicht billiger als ein regulärer Hausausbau. Und am Spielende zählt die zusätzliche Person nicht, wenn sie nicht ins Haus rübergeholt wird, also muà man später doch noch mal den Hausraum zusätzlich bauen.
# admin on November 5th, 2007
Das ist sicherlich richtig mit den Baukosten (habe jetzt nicht noch einmal extra nachgeschaut). Aber man hat halt eine Aktion mehr als die anderen Spieler…
# Sternenfahrer on Dezember 13th, 2007
Zwei wichtige Punkte: Es kann gar nicht genug betont werden, wie unsäglich sperrig die Spielregel ist. Wir Vielspieler können uns natürlich viel erschlieÃen, aber ich mag mir nicht vorstellen, wie schwer sich jemand tut, der z.B. von Siedler direkt auf Agricola umsteigt… Da sind die falsch wiedergebenen Farben nur das eine, viel wichtiger ist der fehlende “Was soll das alles überhaupt?” rote Faden.
Und zweitens, es sind wirklich viele, viele Karten dabei. Ob die nun alle ausgewogen sind, wage ich zu bezweifeln. Hier noch der Hinweis, daà man davon auch viele je nach Spielerzahl aussortiert!
# Michael on Januar 2nd, 2008
Klar ist die Spielanleitung umfangreich, aber Agricola ist ein Spiel für Vielspieler und nicht für Gelegenheitsspieler und als Vielspieler kommt man damit an einer einer Partie klar. Die Grundregeln sind nicht besonders kompliziert und man muss immer seltener Nachschlagen. Aber ich gebe zu, dass eine zusätzliche kurze Spielübersicht hilfreich wäre.
Gerade die Vielzahl der Karten macht Agricola aus. Dadurch entsteht sehr viel Abwechslung und ein gewisser Glücksfaktor, den ich sehr gut finde. Ob die Karten ausgewogen sind, darüber kann man immer philosophieren, denn es kommt immer auf die Spielsituation an.
# micha120271 on Februar 22nd, 2008
Ich war nach den fast ausnahmslos begeisterten Meinungen zu Agricola in groÃer Vorfreude auf das Spiel und konnte es kaum erwarten. Und ich wurde nicht enttäuscht. Allein, dass meine Mitspieler meine Begeisterung nicht in gleichem MaÃe teilten, trübt meine Begeisterung, da ich befürchte, es nicht so oft spielen zu können, wie ich gerne würde. Sie fühlten sich von den in riesiger Zahl vorhandenen Möglichkeiten und dem an allen Ecken und Enden vorhandenen Mangelerscheinungen erschlagen und empfanden diese als übertrieben.
Sicher gibt es verdammt viele Ansatzpunkte für eine mögliche Strategie. Aber ich glaube einfach, man darf nicht erwarten, in allen Kathegorien gut punkten zu können. Man muss sich halt damit abfinden, dass an einigen Stellen ein paar Minuspunkte aufs Konto kommen und muss diese halt an anderer Stelle durch ein Mehr an Pluspunkten wieder ausgleichen.
Ich glaube, man sollte sich anhand der Karten, welche man zu Beginn auf die Hand bekommt, eine Strategie zu recht legen und mit dieser ein möglichst groÃes Plus auf der Habenseite zu erreichen versuchen.
Und da es halt wie bereits mehrfach erwähnt, so eine riesige Zahl an Karten gibt, wird sich die zuvor genannte Strategie in jedem Spiel ändern, so dass es nie langweilig werden wird. Jedenfalls hoffe ich das.
Und wenn keiner mit mir spielt, dann spiele ich halt die Solitär-Variante.
# Sankt Peter on März 12th, 2009
Auch wenn mir Le Havre besser gefällt, ist Agricola schon ein interessantes Spiel. Allerdings empfinde ich das Spiel schon eher als "Arbeit" also anstrengend. Die 1.000 Karten hätte ich nicht benötigt - insbesondere weil diese nicht wirklich ausgeglichen sind. Trotzdem ist das Thema authentisch umgesetzt - wohl derzeit das Beste "Bauernspiel"...Spielreiz
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# Bundyman on April 17th, 2009
Das Spiel ist in jeder Besetzung mit 2 bis 5 Spieler auch nach über einem Dutzend Partien einfach genial. Die kürzere Spielzeit gegenüber LeHavre und die Familiengeschichte, lässt Agricola sich meinen Mitspielern leichter vermitteln. Auch stellt sich bei LeHavre ein etwas anderes Spielgefühl ein, bei Agricola ist das Mangelgefühl nicht so ausgeprägt. Ein Meilenstein unter den -unplugged Games-.Spielreiz
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# ode on November 5th, 2009
Die oft angesprochene Unausgeglichenheit der Karten läßt sich aber auch vermeiden, wenn man die Karten-Decks nicht miteinander vermischt! Es ist aus meiner Sicht fast logisch, dass jemand, der starke K-Deck-Karten spielen kann, gegen jemanden mit einem bunten Mix aus allen Decks im Vorteil ist. Das gilt aber vor allem für erfahrene Spieler. Anfänger werden mit den K-Deck-Karten nicht viel anfangen können. Es ist schon so, dass die einzelnen Decks sich auch aufeinander beziehen. Daher hat das schon Sinn. Ich hab die Decks auch anfangs wirld durcheinander gemixt. Irgendwann hab ich sie wieder getrennt, weil es wirklich stimmiger ist, sie getrennt zu spielen...Spielreiz
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