Erwartungen

Sonntag Mittag – Spielboxforum – Kleinanzeigen – „biete ein ungespieltes „Gleichgewicht des Schreckens“ – ja, Wahnsinn, jetzt aber gleich mailen, ob es klappt? Die Antwort kommt, ich war der erste, ich bekomme es! Freudige Erwartung es in den Händen zu halten – nun ist es da.


Da liegt es im Regal, das beste Spiel auf BGG – so habe ich es gelesen. Und deswegen wollte ich es unbedingt haben. Das beste Spiel – es kann nicht sein, dass ich dieses Spiel nicht habe, dass Ich dieses Spiel nicht kenne. „Twilight Struggle“. Da ich das Englische zwar leidlich beherrsche, aber nicht so wirklich geübt bin, wollte ich das Deutsche Spiel erwerben. Das deutsche Spiel „Gleichgewicht des Schreckens“ wurde bei GMT verlegt, das muss doch Qualität sein, ich bin begeistert von Dominant Species – auch von GMT.


Sie setzen sich ja doch im Kopf fest – diese Vorurteile, oh ja, das Spiel ist von dem Autor, das muss großartig sein. Und dann stelle ich immer mal wieder fest, es ist nicht jedes gleich gut bzw. es gefällt mir nicht jedes. Dennoch steht mancher Autorenname für Qualität. Also, ich mag die Spiele von Stefan Feld. Sie bringen die richtigen Saiten in meiner Spielerseele zum Klingen, meine Musik ist Feld-Musik. Oder auch Uwe-Rosenberg-Musik, da erklingt dann aktuell der Caverna-Blues.


Genauso ist es mit manchem Verlag, ein Spiel aus dem einen Verlag weckt in mir andere Erwartungen als eines aus einem anderen, z. B. Feuerlandspiele. Im vorletzten Jahr „Terra Mystica“ – tolles Spiel. Dann kam die Ankündigung für die Internationen Spielertage 2013: Verlag – Feuerland Spiele, Autor – Uwe Rosenberg, da schwingt die Seele. „Glasstraße“ – das Video vom Herner Spielewahnsinn weckte die Vorfreude, ein Produktionsrad im Doppelpack! Also logisch, der Blindkauf überhaupt von der Messe. Unbedingt vorbestellen, damit ich auch hundertprozentig dabei bin.


Ja und dann das Spiel selbst, ein wenig Ernüchterung: es war nicht so wie erwartet. Es war kürzer, es war anders als ein „Ora et Labora“ und sollte doch ähnlich sein, noch viel viel besser. Das hatte ich erwartet, weil ich im Warten auf die Messe Puzzleteile zusammengesetzt habe zu einem virtuellen Bild: ein Teil Rosenberg, ein Teil Video, ein Teil Produktionsrad mal zwei, ein Teil Feuerlandspiele, ein Teil Komplexizität, die Teile Gebäude, Bauen, Produzieren, das Teil Rohstoffe, genial zusammengefügt - ein tolles Gemälde hatte ich im Kopf. Und als ich das Spiel gespielt habe ergab sich ein völlig anderes Bild. Da hat mir das Spiel plötzlich nicht gefallen, zu kurz, zu wenig Produktionsketten, die falschen Töne, die falschen Instrumente, nicht der richtige Takt. Nun muss ich erstmal das virtuelle Bild löschen, die Erwartungen verändern, dann wird es mir gefallen, dann muss es mir gefallen. Muss ich wirklich meine Erwartung ändern? Oder sage ich einfach: Nö, nicht meines, es gibt so viele Bessere, so viele, die beim ersten Spiel in meiner Spielerseele die richtige Musik erzeugen. Der Rokoko-Walzer, der Russian-Railroads-Quickstep, der Kohle-und-Kolonie-Tango, das ist die Musik aus Essen 2013.


Vielleicht ist Glasstraße ein gutes Spiel, aber vielleicht werde ich das gar nicht mehr erfahren? In der ersten Partie haben wir es auch noch falsch gespielt, das war schon die erste Dissonanz. Auch die zweite Runde klang nicht richtig harmonisch. Ja und nun? Zweite Chance? Ich weiß es noch nicht. Ich freue mich aber, wenn ich lese, dass es anderen gefällt. Dann werde ich es vielleicht doch mögen, weil es doch vom richtigen Verlag und vom richtigen Autor ist. Und es ist eine Erweiterung angekündigt, vielleicht wird es dadurch mein Spiel?


Aber ich schweife ab: „Twilight Struggle“ – das beste Spiel auf BGG! Für 2 Personen spielbar in 2 Stunden! Ich möchte es lieben. Was erwarte ich denn eigentlich? Hm? Ich erwarte ein großartiges Spielgefühl, ich hoffe auf die „Twilight-Struggle-Sonate“, die meine Seele zum Schwingen bringt. Und deswegen habe ich keine Formulierung für das, was ich erwarte, erst wenn ich das Spiel tatsächlich gespielt habe, kann ich sagen, ob es auch für mich zu den besten gehören wird oder sogar das Superprädikat „bestes Spiel“ bekommen wird. Oder ob demnächst eine Anzeige im Unknowns-Markt steht: Biete ein „Gleichgewicht des Schreckens“ – einmal gespielt. Und ob dann vielleicht jemand anders hofft, dass er der erste sein wird, der sein Begehren äußert, weil es schließlich das beste Spiel auf BGG ist.

Kommentare 5

  • Glasstraße - nachdem ich diesen Beitrag verfasst hatte kam der Wunsch auf, Glasstraße noch einmal zu spielen. Und sieh an, wenn man kein Ora & Labora erwartet und keine Produktionsketten erstellen will, dann ist Glasstraße ein durchaus spielenswertes Spiel, das wir demnächst - vor allem aufgrund der angenehmen Spieldauer von 1 Stunde zu zweit - sicher wieder spielen werden.

  • Es geht um Kinofilme, richtig? ;-)

    • Die Frage verstehe ich nicht. Wieso Kinofilme? Eigentlich geht es doch um Spiele - bei mir jedenfalls.

    • Ich glaube er möchte damit sagen, dass man Deinen Beitrag 1:1 auch auf andere Bereiche übertragen könnte. Wo Leidenschaft ist, ist auch Erwartungshaltung. Und wo Erwartungshaltung ist, ist auch Enttäuschung.

    • Danke, Sankt Peter, nun habe ich es auch verstanden :-)