Sankt Petersburg

ZENIT SANKT PETERSBURG

Die Anreise:
In der Welt der Brettspiele haben Brettspiele die Lebensdauer eines Insekt: es summt einen Sommer und verendet nach einer kurzen Hochzeit schnell in der staubigen Ecke. Eben noch Liebling des promiskuitiven, chronisch auf Neuheiten gepolten Vielspielers ist dieser schon unterwegs zur neuen Blüte und hat ein neues Lovergame. In Würde alt werden ist schwer für ein Brettspiel. Sankt Petersburg gehört zu den seltenen Ausnahmen eines gut gealterten Spiels, das seinen Reiz bis heute nie verloren hat. Sankt Petersburg ist der Elder Statesman unter den Klassikern. Sankt Petersburg ist Helmut Schmidt, als dieser noch lebte.

Das Stadion:
Die Schachtel ist ein typisches Heimstadion. Sie zeigt, dass der Satz „Kleine Schachtel, großes Spiel“ keine schlecht getextete Plattitüde ein mittelmäßiges Spiels sein muss, das sich selbst verkaufen will. Der Zar mit L'Oréal-Dauerwelle und Neururer-Schnauzer zu Pferde vor verschneiter Doktor-Schiwago-Kulisse ist klassische Gestaltungskunst. Doris Matthäus noch unterwegs mit Stift und Pinsel. Im krassen Gegensatz dazu das künstliche, gephotoshoppte Grauen in der kratzbunt vergewaltigten Neuauflage, in der sich die Figuren der Spieleszene selbst im Spiegel betrachten. Fehlt eigentlich nur noch der narzisstische Christiano Ronaldo als Zar.

Die Heimfans:
Wenn Sankt Petersburg den Spieltisch betritt erheben sich die Menschen im Stadion und klatschen. Das weite Rund singt das Vereinslied: „Kosaken hey, hey, hey, hebt die Gläser! Hey, hey, Natascha ha, ha, ha, du bist schön! Towarisch, hey, hey, hey, auf das Leben! Auf Dein Wohl, Bruder, hey, Bruder, ho! Hey, hey, hey, hey!“

Der Gästeblock:
Sogar die Gästefans bekunden ihren Respekt und applaudieren. Gänsehaut-Atmosphäre auf dem Brett. Das erlebt man selten.

Die Startaufstellung:
Grüne Karten (Handwerker), blaue Karten (Gebäude), orangefarbene Karten (Adlige). Mehr braucht Sankt Petersburg nicht, obwohl es auch ein eigentlich funktional überflüssiges Brett hat auf dem die Karten ausgelegt werden.

Das Spielfeld:
Ein Brettspiel, das kein Brett bräuchte und ohne Brett dennoch nur halb so gut wäre. Heute hat Hans im Glück einen Ökonomen angestellt und spart sich das rational unnötige Brett. Siehe FIRST CLASS.

Die erste Hälfte:
Handwerker kaufen, damit der Rubel rollt. Bisschen Gebäude. Und bisschen Adlige. Denn ohne Adlige gewinnt man nicht.

Die zweite Hälfte:
Die russische Spreu trennt sich vom russischen Weizen. Wenn der Rubel rollt, bestehen große Gewinnchancen. Der Spieler mit der Adligen-Strategie holt nun gegen den Spieler mit der Gebäude-Punktevorsprung-Strategie langsam, aber sicher auf. So läuft es oft. So läuft es eigentlich immer. Und keinen stört es, weil es toll ist.

Torschütze des Spiels:
Michael Brummelmann. Tummelheimer. Hampelhofer. Das Pseudonym, das so auffällig war, dass jeder den Verlagschef Bernd Brunnhofer erkannte, der besser ist als seine Autoren. Der zweitbeste Hans im Glück Spiel ist STONE AGE von Herrn Hummelbernd. Tunnelhafer. Bommeltummel.

Déjà-Vu des Spiels:
Immer die Adligen.

Drama des Abends:
Wahlweise:
a) soblue.gif Mir fehlt ein Rubel.
b) soblue.gif Ich kriege in dieser Runde als Einziger keinen Adligen

Haken des Spiels:
"Erste Runde Hofdame gewinnt" ist eine sichere Wette beim Wettanbieter. Zur Not hilft irgendeine dubiose Figur mit Geldkoffer auf dem Balkan nach und besucht Herrn Hoyzer vom Spieletreff.

Erkenntnis des Spiels:
Ein zeitloser Klassiker. Die Uhr steht still. Der letzte Zar wurde nie ermordet.


Chronist der Sportfotografie: