Auspacken, Regeln lernen – Bandida

Alle Übertreibungen im nachfolgenden Text – vor allem die, die Pikmin betreffen – dienen ausschließlich stilistischen Zwecken und sind ausdrücklich nicht ernstzunehmen!


Montag 19 Uhr


Da liegen sie also vor mir. Drei Kilo – von Klemens Franz höchst persönlich – illustrierte Pappe glotzen mich an. Mit den üblichen Grafiken zu Holz, Lehm und was man sonst noch so zum Kolonisieren braucht. Jungfräulich, wie Lookout-Games es schuf, wartete es nun darauf, von mir entpöppelt zu werden. Auf was hatte ich mich da nur wieder eingelassen? Wochenlang hatte Frau Pikmin mich mit diesem Spiel genervt:


Kennste schon? Haste schon? Soll ich auch?“


Ja klar sollste mein kleines Sahnetörtchen, aber lass mich damit in Ruhe. Warentauschen, pfui deibel!“




Aus irgendwelchen mir unerklärlichen Gründen schien die Frau mich für sowas wie die Grande Dame der Solospiele zu halten. Und das, obwohl ich ihr mit meiner Terraforming Mars-Abfuhr fast das kleine Herz gebrochen hatte. Dabei habe ich wirklich von nichts weniger Ahnung, als ausgerechnet von einem Complexity 4,09 Eurogame-Brecher mit Bauernhöfen und Warentauschen. Die Zeiten waren längst vorbei. Damals – ja damals hab ich sowas auch mal gespielt. Bis mir das ewig repetitive Rumgetausche von „Lehm gegen Wolle und Getreide gegen Holz“ auf den Keks ging. Ich hatte mich längst den Drachen, Monstern und Zombies zugewandt.


Doch irgendwie habe ich ja auch eine kleine, nostalgische Seele. Diese Rosenbergspiele hatten mir damals (wir sprechen hier immerhin von vor 6 Jahren!) schon zugesagt und wenn der Uwe was kann, dann Solospiele. Und irgendwie war auch in Zombieland gerade die Luft raus. Mich dürstete nach etwas mit Geling-Garantie, sowas wie die Dr. Oetker Kuchenmischungen: nix Extravagantes – eher so der klassische Bienenstich. Milch und 2 Eier rein, dreimal umrühren, ab in den Backofen und fertig. Hat halt was von Beerdigung, aber geht immer. Beerdigungen kommen ja auch nie aus der Mode.


Zufälligerweise hatte Lookout-Games gerade Le Havre neu aufgelegt. Das kannte ich und war seit jeher mein Lieblingseuro. Nicht dass ich diesbezüglich über den größten Erfahrungsschatz verfügen würde. Aber das konnte man ruhig mal wieder spielen. Tja und das war dann auch der Anfang vom Ende. Ich verwurschtelte mich tagelang in „Nahrung für die Arbeiter“ und „scheisse mir fehlt genau 1 (in Worten „ein“) verdammtes Eisen, um den Lehmbrennofen zu bauen … und dann wollte ich irgendwie mehr.


Wieder erklang diese helle Stimme in meinem Ohr:


Bandida, Die Kolonisten, wie toll, schau doch mal, willst du nicht ...“


Das Mädchen ist ja so leicht zu begeistern! Ja – ich war auch mal so. Als ich noch jung und unerfahren die Solospielewelt erkundete. Das waren noch Zeiten! Heute bin ich froh, wenn ich mal 5 Minuten Ruhe hab, um die Regeln für Qwixx zu lernen, bevor Junior den nächsten Fieberschub kriegt, zahnt, in der KiTa die Maul- und Klauenseuche ausbricht oder er sich beim Bobbycar-Fahren mit Helm! das Kinn aufschlägt.


Bandida, wir könnten doch zusammen ...“


Hmmpfz, dieses Weib ist penetrant! Aber irgendwie sieht dieses Kolonistending ja schon ansatzweise nett aus. Es hat sogar Hexfelder. Und es steht „Episch“ drauf. Also vorne auf der Schachtel. „Episches Aufbauspiel“. Hmm, man könnte sich ja mal herablassen – also nur um die Jugend zu unterweisen versteht sich. Ich mag bekannterweise keine Eurogames. Le Havre is ja nur 'ne Ausnahme. Der Ehre alten Zeiten wegen. Wäre aber mal interessant zu sehen, wie zwei so unterschiedliche Personen an sowas rangehen. Wissenschaftliche Studie und so, wird ja bei Typisch-Unknowns immer wieder gerne genommen. Außer ich mach die, dann gibt’s wieder Lack vom Chef. Aber ich schieb's einfach auf Pikmin.


Na denn, schau'n mer mal! Mal gucken, was diese Eurogamers so unter „episch“ verstehen. Dat soll wat werden!


Als erstes flattern mir mal 3 Hefte entgegen. Na großartig, ich krieg die Pimpernellen! Ewig diese Referenzhefte, jetzt also auch schon in Euros … ach halt! Momentchen, ist ja gar kein Referenzheft! Puls wieder runterfahren, wuuuuusaaaaaa. Eines ist bloß so ein Übersichtsheftchen der Gebäude wie bei Le Havre plus diverser Tabellen. Ja das ist genehmigt. Und eines ist ein Heft mit 'ner kompletten Beispielrunde. Ok, das will ich gelten lassen. Brauch ich so als Profi(!) natürlich nicht, aber gut. Wandert zurück in die Schachtel.


Dann wird jetzt erstmal gepöppelt und Material gesichtet. Puuuuh, das hört ja gar nicht mehr auf. Aha, soso, aha … ja schön illustriert lieber Klemens, das ist schon ohne Regel und Materialübersicht recht eindeutig zu sortieren, so wollen wir das. Ordentlich I, II, II und IV … da kann ich mit arbeiten. Hui dat sind aber mal janz schön viele Pappmarkers und Gedöns, wo soll ich die denn alle stapeln? Gleich mal bei Amazon checken, ob's da adäquate Aufbewahrungsmöglichkeiten gibt. Jetzt muss erstmal meine bewährte orangefarbene Baumarktbox mit den herausnehmbaren Einsätzen reichen. Die hab ich ja quasi auf Vorrat am Lager. Reicht natürlich nicht ...


Stunden später …




So hab ich noch irgendwas vergessen? Achso, die Regel, da war ja was *argh. Ööh schon wieder 23 Uhr? Junior brüllt wie am Spieß, weil ich nicht im Galopp die Treppe hoch renne und ihm seine „ich-hab-euch-doch-erst-drei-mal-gebeten-mir-meine-Flasche-zu-reichen“-Pulla an den Hals halte. Na gut, Feierabend für heute. Schnell nochmal ins Forum gucken …


Verdammt, Pikmin scharrt schon mit den Füßen und hat 3 Seiten Text. Ok, die 3 Seiten Text hatte sie wahrscheinlich auch schon im Kopf, bevor sie den Karton Pappe überhaupt zu Hause hatte, inklusive einer Hintergrundstory für sämtliche Bauern des Spiels, die bis ins Jahr 5 v. Christi zurückreicht. Ich fühle mich dezent! unter Druck gesetzt.


„Kinder“ haben se gesagt „die geben soooo viel zurück“ haben se gesagt. Braaaaa von fiebernden Kindern und Ausnahmezustand haben se natürlich nix gesagt! Wie soll ich denn so ...


Dienstag Morgen 6:30 Uhr


Junior schläft noch, also schnell das Nachholen, was gestern hätte sein sollen. Zwischenzeitlich 20kg Grillanzünder verkauft UND verpackt – Motivation! Ja die Regel sieht gut aus, aber irgendwie wollen meine Klüsen in dem diffusen Saloon-Licht noch nicht so ganz und ausgerechnet jetzt ist auch noch eine Birne kaputtgegangen. Außerdem schlägt der Liter Kaffee noch nicht an. Ich könnte aber auch … seufzend fische ich die „Anfänger-Beispielrunden-Regel“ mit den vielen Bildern aus dem Karton und wandere zurück an die Erdoberfläche. So weit ist es also schon gekommen! Nun denn, wir werden alle älter nich wahr? Das ist ja hier auch Arbeiten und Extrembedingungen. So wie Bügeln am Preikestolen.


Hmm … gar nicht mal so schlecht, so eine Beispielrunden-Dingens. Anna und Bernd spielen gegeneinander. Wer denkt sich bloß immer diese bescheuerten Namen aus? Bernd ... so heißt doch heute keiner mehr, außer diese Fuzzi von der AfD. Jedenfalls spielen die imaginären Freunde von Tim Puls eine Runde Die Kolonistenmit vereinfachten Regeln. Alles hübsch gemacht mit Bildchen und kurzen Texten. So langsam komme ich rein. Brauche dazu nichtmal das Material aufbauen, ist ja alles schön illustriert. So langsam mag ich das Ding wirklich.


Wir sind also Kolonisten, bauen uns eine Siedlung auf und rennen dafür mit unserem VerWALTER auf diesen Hex-Feldern hin und her. Bin gespannt, wat Frollein denen wieder für Namen gibt – "Adalbert der Weise" und "Hieronimus der Erleuchtete" oder sowas. Dort führen wir dann die jeweilige Aktion aus. Joar das leuchtet ein. Man darf sogar mit Walter zurückziehen, allerdings nicht auf denselben Feldern den Zug beenden, wo man ihn begonnen hat. Dann führt man die entsprechenden Aktionen aus und tauscht die Waren gegen andere Waren und baut Höfe und Kneipen … Es geht generell auf benachbarte Felder, außer Märkte, die kann man immer besuchen und sogar über mehrere Felder hinweg draufspringen. Und irgendwas scheint es noch mit dem Warenlagern auf sich zu haben. Fein, fein.



Walter


Ok, groben Überblick hab ich, wird dann Zeit für die Regel. Nochmal eben gehorcht … ja Junior schnarcht friedlich vor sich hin, kann losgehen.


Der Schwierigkeitsgrad wird über den Startaufbau der Hex-Felder angepasst. Ich starte mal mit einfach, so zum Reinkom...


Zeter und Mordio!


Ein gellendes Schreien durchdringt die morgendliche Ruhe; vor Schreck fällt mir fast der Kaffee aus dem Gesicht. K1 (Kind 1) verkündet markerschütternd Hunger, Durst, Windel voll oder „ich werde gerade umgebracht“– oder alles gleichzeitig, das Geschrei lässt da ja einigen Interpretationsspielraum. Ich tausche also mit Aktion 1 Kaffee gegen Pulla, ziehe mit der 2. Aktion meinen Astralpöppel vom Keller ins Kinderzimmer und tausche mit Aktion 3 konzentrierte Ruhe gegen trommelfellzerreißendes Gebrüll. *seufz


Dienstag Abend 19 Uhr


Nach einem anstrengendem Tag (ich sollte mir das wirklich bezahlen lassen) sitze ich wieder in meinem Kellerchen. Eine 500er LED-Videoleuchte ersetzt die kaputte Glühbirne und ich hänge wieder über den Regeln. Also den echten Regeln.


Das Warenlagern scheint eine Kernmechanik des Spiels zu sein. Man hat Lager, Speicher und Zwischenspeicher. Zwischenspeicher sind die Versorgungs- und Produktionsgebäude. Nur in diesen drei Lagerarten darf man Waren lagern. Man darf sie untereinander verschieben, aber nur VOR den Aktionen. Außer Waren aus dem Zwischenspeicher der Gebäude, die dürfen nur in eine Richtung (nämlich raus) verschoben werden. Na das ist mal geschickt. Ich muss also nicht nur überlegen, was ich in welcher Reihenfolge produziere/baue (Aktionsfelder) sondern auch noch, was ich zwischen den Aktionen wann, wie, wo lagere und verschiebe. Na das wird ein Fest. Kannte ich so auch noch nicht.


Was mir gefällt, denn ich mag ja komplexe Über-Kreuz-Aktionen. Außerdem darf man fast immer so viel bauen wie man lustig ist, solange man den Bumms bezahlen kann. Nur manche Orte haben Einschränkungen und auch das ist glasklar ikonografiert. Ich beginne dieses Spiel zu mögen.




Und noch ne Kernmechanik: Workerplacement. Diese ganzen Gebäude und Lager und alles funktionieren nämlich nur, wenn man entsprechend Arbeiter draufsetzt. Die wollen aber später ernährt werden (Uwe lässt grüßen). Und um das Ganze noch komplexer zu machen, sind Arbeiter nicht einfach nur Arbeiter, sondern werden unterteilt in Bauern, Bürger und Kaufleute, unsere Kolonisten. Sinnigerweise machen sich Kaufleute in Produktionsgebäuden nicht die Fingerchen schmutzig. So kann man aus einfachen Mechanismen natürlich auch ein komplexes Spiel basteln. Allmählich dämmert es mir, warum das Ding „episch“ heißt. Mal Thygra drauf ansetzen, ob "episch" das neue "komplex" ist.


Soundtrack zum Spiel


Mein Schädel fängt bei der Flut an Informationen langsam an zu brummen. Wie war das nochmal? Wie kann ich noch gleich dies ... ich fange hektisch an, die verschiedenen Heftchen zu durchblättern. Und wozu sind eigentlich diese ganzen Tabellen? Dieses "Beziehungen aufbauen zu anderen Kolonien" scheint nochmal 'ne Sache für sich zu sein. Ein einziges Plättchen, mit dem man sich mit 4 aus 9 anderen Kolonien verbinden kann, die dann alle nochmal unterschiedliche Boni gewähren und die mit jeder Epoche aufgewertet werden können. Wer soll sich das denn bitte alles merken?


Für heute reicht's. Morgen ist auch noch 'n Tag.


Fortsetzung folgt ...

Kommentare 6

  • "Normalerweise" lese ich Blogs nicht, weil ich sie "normalerweise" langatmig und langweilig finde. Deinen habe ich zu lesen angefangen, weil ich einfach sehen wollte, was eine Solospielerin zu Die Kolonisten zu sagen hat. Große Hoffnung, dass ich dranbleiben würde, hatte ich nicht, kenne ja meine Grundeinstellung zu Blogs.


    Und?


    Du hast einen interessanten Stil. Sachlich sagst Du zum Spiel mit vielen Worten bislang sehr wenig, aber: Wie Du Dein Herangehen an das Spiel in häusliche Abläufe einbettest, dargestellt in einer lebendigen Alltagssprache, ist so ungewöhnlich, dass es lesenswert ist. So habe ich denn Deinen ganzen Text gelesen, ohne viel erfahren zu haben -jedenfalls nicht mehr, als ich von dem Spiel ohnehin weiß- und bin nicht einmal enttäuscht. Im Gegenteil.

    • Danke, ich hoffe du hast auch Pikmins Text gelesen. Oben sind zwei Reiter „Bandida und Pikmin“. Wenn du da drauf klickst, landest du jeweils beim anderen Text. Müssen wir wohl doch noch ändern in getrennte Artikel

    • Danke für den Hinweis auf die Reiter. Gelesen habe ich Pikmins Text noch nicht, werde ich aber noch machen, spätestens wenn ich in zwei Wochen wieder zurück bin. Ob ich unterwegs Gelegenheit haben werde, wird sich erst finden müssen.

  • Sehr geil! Ich hoffe, das gipfelt in einem Live Let's Play zwischen dir und Pikmin (natürlich nicht solo, sondern kompetetiv ) und das ganze Unknowns Forum schaut zu.... :-)

  • "...ein barocker Herr von hohem Rang der am Reißbrett seine Kolonie und ihren Werdegang durch die Jahre PLANT"


    Ich halt's nich aus :hahaha:

  • Danke Dir kenne ich jetzt auch den "Preikestolen" ;)