Die zehnte Erzählung - "Gylravar, ein kurzes Vergnügen" oder "Gylravar, Hi und Bye". Aber königlich!

Abenteuer in Gylravar

  • Während die Heldengruppe durch die ehrfurchtgebietenden, schönen, bombastisch-eleganten und weiten Straßen der Baumstadt spaziert und zu dreivierteln extrem beeindruckt ist, greift eine langfingrige Hand nach Hilarius und raunt ihm etwas zu. Dieser wendet sich an seine Kameraden: „Der Bruder hier möchte uns durch die Stadt führen und euch die wichtigen Wege und Gebäude zeigen, aber ich denke nicht, dass wir das nöt“
    Ronft: „Sehr gerne!“
    Trotz leichter Verschnupftheit bei Hilarius, der sich wohl selbst in der Rolle des Touristenführers gefallen hat, wandern 10 Gold in die Taschen des Elfen. Der Halbork ist erstaunlich kulturinteressiert und saugt alle Äußerungen des Cityguides begierig auf. Schnattus und Ginkgo sind punktuell interessiert, Hilarius gähnt alle paar Erklärungen demonstrativ auf.
  • Vor dem Laden eines alten elfischen Schildmachers halten wir an und begutachten seine Ware. Da sowohl Ginkgo als auch Ronft mit ausschließlich zweihändigen Nah- und Fernkampfwaffen ausgestattet sind, vertiefen sich nur Hilarius und Schnattus in die schön gearbeiteten, meisterlichen Schilde. Der Preis ist zwar unschlagbar – 30 Gold für Meisterschilde mit Rüstwert 2 – jedoch können sie nicht restlos überzeugen. Schnattus' Schild hat denselben Rüstwert und ist sogar magisch und Hilarius könnte nur im Nahkampf einen Schild gebrauchen. Da er seiner Nahkampfwaffe jedoch nicht im Ansatz so viel Liebe schenkt, wie seinem Bogen, und er sich schon durch seine Rüstung unangenehm belastet fühlt, winkt er ab. Schnattus versucht es gar nicht erst, und alle Hinweise von Ronft und Ginkgo, dass in manchen Situationen der Einsatz des Schwertes unumgänglich sei, und er in diesem Fall besser geschützt wäre, fallen auf taube Elfenohren. (Die Chronistin schließt sich Schnattus Genervtheit an – total sinnlos, auf einen Schild zu verzichten, aber der sonst so umgängliche Elf scheint endgültig entschieden und solange kein anderer sich bereiterklärt, ihm seinen Schild zu schleppen, was soll man machen).
  • Ob es der Elfenführer war, der die beiden einen ganzen Tag lang begleitet hat, ob es ihr langer Aufenthalt in Waffen- und Rüstungsläden war, ob Hilarius' kleine Geschwister in der Waldschule ihre Kläppchen aufgerissen haben – der Elfenälteste Idiel hat von der Ankunft unserer Helden erfahren und schickt am nächsten Morgen einen Boten zum Haus von Hilarius' Eltern. Er wünscht sie zu sprechen.

    Ronft und Ginkgo knuffen und puffen sich gegenseitig in die Seiten und können es kaum erwarten, die Audienz wahrzunehmen. Dafür sind sie schließlich ins Elfenland gezogen, warum warten! Schnattus gibt zu Bedenken, dass die letzten Begegnungen mit Ältesten zu einem schnellen Verlassen des besuchten Gebiets geführt haben und dass man, wenn man die Elfenstadt noch weiter erforschen wolle, sich vielleicht ein paar Tage Zeit lassen sollte.

    Hilarius: „Ehrenwerter Freund Schnattus, das würde ich nicht empfehlen. Der Älteste Idiel ist dafür bekannt, dass er erwartet, dass seinen Worten... Befehlen... Aufforderungen geschwind Folge geleistet wird. Es sind zwar keine Strafen zu befürchten, wenn wir ihn nicht unverzüglich aufsuchen, und ich selbst bin von dieser schnellen Postille überrascht, aber uns könnte auch die Gelegenheit, JEMALS bei ihm vorzusprechen genommen werden, wenn wir uns nicht schleunigst in Gang setzen...“ Schnattus nimmt Hilarius Ängste und Hysterien für gewöhnlich zwar nicht ernst, als jedoch Relli und Constipatus bestätigend nicken schließt er sich dem Gruppenkonsens überzeugt an.


    Hoch wanken die Hallen des Ältesten Idiel

    Weit wiegen sie sich im Wind

    Fest stehen die Hallen des Ältesten Idiel

    Wo Wipfel und Baumkronen sind

    Dieser verwirrend erscheinende Text (der so etwas wie die Stadthymne Gylravars darstellt und bei feierlichen Anlässen mehr geraunt als gesungen wird, und den unsere Helden auf dem Weg zum Ältesten auf den Lippen der – sind es Bedienstete? Sind es normale Elfen, die sich einfach gerne in der Anwesenheit des Ältesten sonnen? Man weiß es nicht, aber zig Elfen scheinen in seinem Anwesen herumzuschweben, aus bauchigen Krügen gigantische Becken, in denen schillernde Fischen schwimmen, mit Wasser auffüllend, Blumenarrangemants bindend und überhaupt die Szenerie so zu verzieren und aufzuschmücken, dass man ganz krank darüber werden könnte) erschließt sich unserer Truppe, als sie die architektonischen Begebenheiten der Halle bzw. des Saales zu verstehen begreifen, in dem sie sich befinden. Zig Meter hohe Bäume und oberschenkelbreite, stabil und flexibel zugleich wirkende Stangengewächse wurden so miteinander verbunden, dass das komplett abgeschlossene Dach der Ältestenhalle aus Baumwipfeln besteht, die Wände aus Baumstämmen und der Boden die Erde ist, in der sich selbige sicherlich kilometertief verwurzelt haben. Während Schnattus findet, dass die Ehrwürdigkeit dieses Anblicks durch die selbstzelebratorischen Anwandlungen der Elfen etwas an Würde verliert, und Hilarius das Ganze eh ziemlich gewohnt ist, sind die beiden Jungspunde Ronft und Ginkgo hin und weg. Bestimmt träumen sie sich gerade in ein eigenes Leben in vergleichbarem Prunk, als zur Ruhe gesetzter ultimative Held von Ultimor, der jedweden Landstrich befriedet, jedes Joch beseitigt und alle Ganoven eingekerkert hat, als Hilarius, der vorgegangen war, einhält und mit schockierend lauter Stimme, die nun an diejenige seines Vaters erinnert, anhebt monoton und leiernd zu sprechen:

    Hoch wanken die Hallen des Ältesten Idiel
    Weit wiegen sie sich im Wind
    Fest stehen die Hallen des Ältesten Idiel
    Wo Wipfel und Baumkronen sind

    Eure Ehrwürdigkeit! Wir sind Schnattus der Vierte, Ginkgo der Dritte, Ronft der Kämpfer und meine Unwesentlichkeit, Hilarius, Sohn von Constipatus und Diarhella. Ihr habt nach uns geschickt – und kaum drang diese Kunde an unser Ohr, so ließen wir in dem Moment von unseren Tätigkeiten ab und alles stehen, um uns gehorsam auf den Weg in Eure edlen hohen Hallen zu begeben. Habt Dank für diese Gunst und Ehre, wird sie doch beileibe nur den Wenigsten zuteil. Gehorsam und begierig erwarten wir Euer Anliegen zu vernehmen um überstürzt und dienstbeflissen jeden Auftrag auszuführen, den Eure Ehrwürdigkeit erfüllt sehen möchte.“


    Seine Kameraden sind ein wenig schockiert über die Diskrepanz zwischen dem Inhalt des Vortrages und Hilarius' leidenschaftslosem Ton. Er leiert die Sätze mit einer Geschwindigkeit und Gleichgültigkeit herunter, in der man Textzeilen aus langweiligen Büchern vorliest, bis man an die Stelle gekommen ist, nach der man eigentlich suchte. Dem besonders langhaarigen und spitzohrigen Elfen, an den die Worte jedoch gerichtet sind und der in einem ihn noch um mehrere Körpergrößen überragenden Thron sitzt, den Kopf teilnahmslos auf die rechte Hand gestützt, scheint dies nichts auszumachen. Er lauscht geduldig und ohne eine Regung den weiteren Ausführungen:

    „Doch sollte uns auch an dieser Stelle und sofort der Schlag treffen, so können wir uns unter die Glücklichen zählen, die, bevor sie elendiglich dahingerafft wurden, ihre Augen an der Pracht und dem Reichtum Eurer Hallen laben konnten, und so würden wir auch dann nicht bereuen, Eurem Gesuch unverzüglich gefolgt zu sein, begierig, Euer Anliegen zu vernehmen.“
    Die Geschwindigkeit, mit der Hilarius die letzten Worte runterrasselt, lässt die anderen Drei vermuten, dass es sich hierbei mehr um einen standardisierten und auswendig gelernten Text, handelt, den jeder Elf seinem König entgegenzubringen hat, falls dieser nach ihm schickt. Wie auch immer, Hilarius hat scheinbar fertig und der Elfenkönig richtet das Wort an unsere Helden. Schlagartig wird es still im Saal. Das bis jetzt stetige Raunen des Liedes von den hohen, festen, weiten, großen etc. Hallen des Königs verstummt. Kein Elf lässt auch nur ein Räuspern hören, solange Idiel spricht.
    „Ich sehe mit Wohlgefallen, dass ihr meiner Einladung schnell gefolgt seid. Ich begrüße dich, Hilarius, und freue mich über deine Rückkehr. Ich begrüße euch, Schnartso, Pinko und Gronf, und heiße euch bei uns willkommen.“ (Scheinbar ist wenigstens der Elfenkönig selbst staatsmännisch genug, eventuelle Fremdenfeindlichkeiten zumindest nicht das Protokoll beeinträchtigen zu lassen.)

    „Du bereitest den Kindern des Waldes über dessen Grenzen hinaus große Ehre, Hilarius. Auch deine Freunde müssen große Krieger und geschickte Strategen sein. Daher ist mein Herz nicht ganz so schwer, euch folgende Aufgabe erteilen zu müssen. Unser Wald ist wild, aber er hat sichere Routen, auf denen Reisenden, Botschaftern und unseren einfachen Bauern ein schadfreies Durchkommen möglich ist. Nördlich von Gylravar jedoch, noch vor dem gefährlichen Dschungel, der glücklicherweise weit genug entfernt ist, als dass die dortigen Monster uns gefährlich werden könnten, liegt der Ur-Wald. Kein Gylravarer betritt ihn leichten Herzens und der ein oder andere meiner Untertanen ist von dort … nicht … zurückgekehrt.“

    Irritiert nehmen die Halbenten und Ronft war, wie Idiel zu schluchzen beginnt. So hölzern er und seine Untergebenen allesamt (vielleicht bis auf Diarhella) scheinen mögen – entweder, der Tod seiner Untergebenen schmerzt ihn wirklich oder er ist ein guter Schauspieler. Schnell hat er sich jedoch wieder im Griff und fährt fort.

    „Ich muss akzeptieren, dass ich beim Schutze meines Volkes in diesem Punkt versagt habe. Ich bitte euch um Hilfe. Zieht in den Urwald und dezimiert die dortigen Gefahren. Nehmt diesen Talisman mit. Er ist mit einem Zauber verbunden, der euch hoffentlich nützlich sein kann.“ Hilarius wedelt in Richtung Ronft, der vortritt, und das kleine Holzteil in Empfang nimmt. „Nehmt ihr meinen Auftrag.....meine Bitte an?“

    Das breite Grinsen auf Ronfts und Ginkgos Gesicht und das zufriedene Schmunzeln auf Schnattusens sind zwar Antwort genug, aber Hilarius bestätigt die Annahme des Auftrages mit langen, umständlichen Sätzen, die Idiel sich ohne Gefühlsregung bis zum Ende anhört.

    Dann brechen unsere vier Helden in Richtung Urwald auf, nicht ahnend, dass diese Reise ihnen sowohl einige moralische Dämpfer verpassen als sie auch nur über Umwege zurückkehren lassen wird...