Die vierzehnte Erzählung - in der zwei sehr spezielle Wesen zu beiderseitigem Vorteil aufeinander treffen

Traumburg


  • Als wir uns wieder in Traumburg einfinden, weiß plötzlich niemand so recht, warum man überhaupt zurückgekommen ist. Dem König wird vom letzten fruchtlosen Ausflug keinesfalls berichtet und eigentlich sind die vier Recken ursprünglich ja nur in die Stadt gekommen, um ihre Waffen magisch machen zu lassen. Nach wie vor durchzieht die Bitte Idiels, im Urwald aufzuräumen, die Gedanken unserer Freunde. Ziellos wandert das Heldenvolk zur Mittagszeit durch die Stadt, als ein Stimmengewirr an zwei Ohren, zwei Spitzohren und vier Horchöffnungen dringt, das deutlich lauter als der übliche Stadtlärm klingt.

    Kein Kampf und kein Streit ist zu vernehmen, aber geschäftiges Rufen, Diskutieren und – Handeln. Ist heute Markttag? Aber eigentlich ist doch fast an jedem Tag Markt? Warum die Aufregung? Zu Viert eilt man dem Stadtzentrum entgegen und, bevor Augen es erspähen, können Nasen es erriechen; heute ist VIEHmarkt. Ronft, Schnattus und Ginkgo führen, in dieser Reihenfolge, den edlen Schattenschrei, ein süßes Pony und einen charmant zerzausten Esel an ihren Halftern mit sich herum – Hilarius wippt sich nach wie vor zu Fuß durch das Geschehen. Warum nicht nach einem edleren Gefährten für ihn suchen? Vielleicht gibt es hier ja ein betagtes Einhorn oder einen feurigen Vierbeiner aus fernen Landen zu erstehen. Auch wenn ihn die kleinen Reittiere der beiden Halbenten nie gereizt haben, so stand er Schattenschrei schon von Anfang an mit einer widersprüchlichen Mischung aus Begierde und Angst vor ansteckenden Krankheiten gegenüber. Nachdem jedoch so viele gemeinsame Abenteuer durchgestanden wurden, ohne dass bei einem der Freunde Das Ständige Gewieher, Nüsternbrand oder Hafersucht ausgebrochen sind, haben sich seine Bedenken soweit beruhigt, dass er das edle Ross mittlerweile freiwillig füttert und sogar mitunter vorsichtig trockenreibt, wenn Ronft durch Verletzungen verhindert ist.

    WUSCH. Wie verschreckte Hühner zucken die Köpfe unserer Helden nach links und rechts. WUSCH. Was ist das? Aufgeregt drehen und wenden sie ihre Häupter auf der Suche nach dem Ursprung dieses fast schon erhaben klingenden Geräuschs. RAUSCH. … WUSCH. .... Dem Rauschen und Wuschen folgend bahnen sie sich ihren Weg, vorbei an Ständen mit Pferden, umzäunten Matschpfützen, in denen sich Schweine suhlen und umgatterten Bezirken, in denen Schafe aneinander drängen. WUSCH! WUSCH! RAUSCH! Das, was da durch die Luft saust, wird immer lauter und plötzlich fallen die Blicke aller Vier auf zwei Schwingen, die sich regelmäßig ausbreiten und Bewegungen, wie zum Fliegen, ausführen. Allerdings hat noch keiner der Freunde so einen großen Vogel gesehen, nichtmal die Riesengrasenten entwickeln sich zu solch einer Größe. Was ist das??

    Besonders Hilarius beginnt sich immer hektischer an den Marktbesuchern, die er meist um mindestens einen Kopf überragt, vorbeizudrängen, zu beeindruckend ist das Schauspiel, das sich ihnen da bietet. WUSCH! Aha! Der Grund, warum das Gewusche und Gerausche des Tieres noch nicht zum Abflug geführt hat, wird schnell ersichtlich. Sowohl sein Halfter ist an zwei Seiten durch Seile mit „Ankern“ vertäut, als auch seine Hinterbeine. Das arme Tier kann sich kaum bewegen. Auch sonst macht es nicht den besten Eindruck. Etwas dürr auf den Rippen und mit faustgroßen kahlen Stellen im Fell steht ein sonst sehr anmutig wirkender Schimmel mit golden glänzenden Schwingen da – nun ja, nicht mehr wirklich glänzenden Schwingen, aber auch ihr derzeit etwas gerupfter Zustand lässt eine Ahnung ihrer natürliche Pracht zu.
    Ein Goblin mit – Moment, wie bitte. Ein Goblin? In Traumburg? Am hellichten Tag?? Auf dem Marktplatz??? Als würde er genau dieser Reaktion müde sein hält er einen Wisch demonstrativ jedem entgegen, der sich seinem Stand auf Armeslänge nähert. Der Wisch stellt sich als Stand- und Verkäuferlizenz heraus. Gobline treiben nun also schon Handel mit ihrer augenscheinlichen Diebesbeute, so weit ist es gekommen!
    Weder Hilarius noch einer seiner Kumpel verschwenden nach der ersten Überraschung jedoch einen weiteren Gedanken an diese unerwartete Begegnung. Hier steht ein Pferd mit SCHWINGEN zum Verkauf!! Hilarius blickt demonstrativ an sich herunter und lässt seinen Blick dann von Schattenschrei über Schnattus Pony zu Ginkgos Esel schweifen, und wieder zurück zu Ronft. Dieser nickt unmerklich.

    Hilarius wendet sich dem Goblin zu:
    „Edler...Goblin! Bietet ihr diese klapprige Mähre zum Verkauf feil?“ (Sein Versuch, das Pferd schlechtzureden, wird von dem aufgeregt quietschigen Tonfall und dem vorfreudigen, fast glucksenden Zittern seiner Stimme sabotiert)
    Goblin (nasal schnarrend): „Emm, japp.“
    Hilarius (bemüht uninteressiert): „Nun. Ihr habt Glück, dass ich auf der Suche nach einem Reittier bin, das mich nur kurze Strecken tragen soll. Zu diesem Zwecke scheint mir euer Klepper gerade noch geeignet. Mit 20 Gold ist er wohl noch überaus großzügig bezahlt. Habt Dank und auf“
    Goblin (nasal schnarrend): „Hey hey hey!“ Er spuckt zur Seite weg. „Das ist ein echtes fliegendes Pferd aus dem Stall Dornovitz, mach dich nicht lächerlich!“
    Hilarius (gespielt schockiert und ungläubig): „Huch? Dieses arme Tier, das ich für noch einige Tage vielleicht vorm Abdecker retten könnte, soll einem STALL entspringen?“
    Goblin (nasal schnarrend hämisch): „Na warum willst du ihn denn, wenn er der mieseste Gaul im Markt ist, hä? Hähähä. Unter 200 bekommst du den nicht, und weil du so bescheuert bist schlag ich noch 22 drauf. HÄHÄHÄ!“
    Hilarius (panisch rechnend): „Aber sein Zustand! Wie kannst du für ein derart geschundenes Wesen überhaupt noch Gold verlangen?“
    Goblin (etwas weniger nasal und schnarrend, dafür vorgetäuscht bass erstaunt): „Geschunden??“
    Hilarius deutet mit unterdrückt wütendem Blick auf die kahlen Stellen, die sich durch die Haut deutlich abzeichnenden Rippen und die verkorksten Flügel.
    Goblin (nasal schnarrend, beschwichtigend): „Ach, der ist nur in der Mauser!“ Er gluckst hämisch auf. „Das geht vorbei. Mit etwas Hafer gepäppelt sieht er bald wieder aus wie Goldschwinge, HÄHÄHÄ!“
    (Anmerkung der Chronistin: Goldschwinge war das legendäre Flügelpferd Halfdars des Schlanken, das ihn einmal wochenlang vor dem Angriff eines besonders hartnäckigen Greifen fliehend durch die Lüfte getragen haben soll, woraufhin aus Halfdar, dem Dicken, Halfdar, der Schlanke wurde. Allzu viel Proviant passt auch auf den edelsten Pferderücken nicht. Wie es legendäre Tiere so an sich haben, wird auch Goldschwinge als besonders schön, besonders stark, sein Gebiss als besonders weiß und seine Schwingen als besonders glänzend beschrieben.)

    Ginkgo sieht kleine Herzchen durch Hilarius' Augen ziehen und versucht sich nun seinerseits im Handel. Der Goblin bleibt jedoch hart und nach der Androhung, Hilarius' „Spezialpreis“ noch einmal zu verdoppeln, wird das Pferd schnell bezahlt, von Hilarius losgebunden, gestreichelt und mitgenommen. Der Elf weint fast vor Glück. Auch das Pferd zeigt sich in der Gegenwart des Spitzohrs eigentümlich ruhig. Seine Schwingen liegen zusammengefaltet an den Seiten, nicht ein einziges Mal WUSCHt und RAUSCHt es mehr durch die Luft. Hilarius gibt einem Bauern Geld dafür, dass er seinen neuen Begleiter auf weichem Heu bettet, dann wird der Rest des Tages damit verbracht, von Tierbedarf zu Tierbedarf zu eilen, das beste, kräftigendste und gleichzeitig schonendste Futter zu erstehen, das einem geschwächten Pferd in Binkys Zustand zuzumuten ist, und als die anderen drei bereits schnarchend in den Betten eines Gasthauses liegen, sitzt Hilarius noch bei seinem neuen Gefährten, reibt seine kahlen Stellen mit einer von einem Tieralchemisten empfohlenen Salbe ein, striegelt die nicht-kahlen Stellen mit einer besonders weichen Fellhasenbürste und beschmiert die teilweise blank daliegenden Federkiele seiner Flügel mit einer nährenden Fettcreme.

    Das Schnattercorps bleibt notgedrungen einige Wochen in Traumburg, da Hilarius dem Vorschlag, schon am nächsten Tag wieder aufzubrechen, mit einem solchen Sermon an Vorwürfen und der Unterstellung der Herzlosigkeit begegnet, sowie nicht enden wollendem Geschimpfe, wie man das dem armen Tiere zumuten könne, dass die beiden Halbenten und Ronft noch am Abend ganz fertig sind. Nebenher werden sich ein paar Groschen hinzuverdient, aber nichts, was das Loch, das in die Heldenkasse gerissen wurde, stopfen könnte. Trotzdem sind alle glücklich, da das – so langsam wieder – edle Tier einen würdigen Besitzer und mit ihm einen Freund gefunden hat, der ihn mit Zähnen und Klauen verteidigt. Was es bis jetzt in den Händen des schrägen Goblins erdulden musste, möchte sich niemand ausmalen...


Kommentare 4

  • Grandios! Wirklich schön liest es sich, wenn man die Signatur von Pikmin dazu liest... ;-)


    War dieser Artikel jetzt wirklich nur EIN Event???

    • Oh wie lieb, danke! =D


      Ja, der hier:

      Zitat

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    • Sind die Werte gut? Hilft das, wenn nur EINER in der Gruppe so eine BW hat?!

    • Oh ja, eine Bewegung von 6 ist krass und Nahkampf +1 nehmen wir auch SEHR gerne mit - ich werde bald einen "Strategisches Planen - wie geht es weiter mit der Gruppe"-Post verfassen, da gehe ich dann ein bisschen darauf ein, wie schwierig es ist, die Kampfwerte weiterhin zu erhöhen. Daher, für jedes +1 würde ich jederzeit alles Gold der Welt bezahlen. Allerdings...ich will Hilli schon lange auf einem standesgemäßen Reittier sehen und da sich Einhörner soooo rar machen (hab im Wald einfach nie das richtige Ereignis erwürfelt T_T) ist ein fliegendes Pferd eine sehr schöne Alternative :)


      Das mit der Bewegung hilft, ja! Es kann zwar tatsächlich nur der Reitende selbst den Bewegungswert seines Tieres nutzen. Aber manchmal gibt es z. B. Ereignisse in der Form "jeder Held, der Bewegung über 4 hat, kann XY." Und manchmal wird z. B. gesagt, "der dritte Held in der Marschordnung fällt in ein Loch und kann sich nur retten, wenn er einen Bewegungswurf schafft". Wenn zu dem Zeitpunkt Hilarius auf Binkie "der dritte Held in der Marschordnung" wäre, dann ist ein erhöhter Bewegungswert natürlich sehr gut.

      Ok, das war ein blödes Beispiel, da die Spiellogik (auch die offizielle xD) es eigentlich verbietet, dass einem Helden, der über ein fliegendes Reittier verfügt, durch "fallen" etwas passieren könnte. Aber egal, du verstehst was ich meine, die Bewegung kann schon durchaus mal lebensrettend sein. Auch für Hillis Fähigkeit "Aufklärung" wird die Probe auf Bewegung abgelegt. Usw :)