SPIEL'17 Geschicklichkeit trifft auf räumliche Vorstellungskraft: Tokyo Highway

  • In irgendeinem Messevorbericht bin ich über Tokyo Highway gestolpert. Dann wieder vergessen und in Halle 8 wiederentdeckt. Dabei ist es noch nicht einmal eine Messe-Neuheit. So wurde die englisch-japanische Erstauflage schon im Dezember 2016 veröffentlicht und war damals wohl nur den absoluten Fans bekannt. Zur SPIEL'17 wurde die Zweitauflage vorgestellt. Diesmal mit viersprachigem Regelwerk inklusive Deutsch. Die Übersetzung ist gut gelungen, weit fernab von den typischen Anleitungen aus Fernost. Mit 35 Euro nicht gerade preiswert, aber wer für ein Deep See Adventure damals schon 25 Euro bezahlt hat, kennt die Hochpreisigkeit der Spiele dieser Region.


    Die Spieleschachtel selbst ist unscheinbar, ebenso wie das Spielmaterial. Minimalistisch könnte man es lobend nennen. Einfach gehalten, so könnte man ebenso dazu sagen. Graue und gelbe Holzzylinder, graue Holzstäbe, Holzautos in rot und blau, dazu zwei Plastikpinzetten und fertig ist ein Spiel. Die Pinzetten weisen dabei den Weg in das Genre der Geschicklichkeitsspiele. Es gilt für uns, den titelgebenden Tokyo Highway auf dem Spieltisch nachzubauen.


    Zwei Spieler nehmen teil, nicht mehr und auch nicht weniger. Los geht es mit zwei Auffahrten als Startpunkte des Bauduells. Davon ausgehend bauen wir abwechselnd ein Stück Strasse an. Jeweils unterfüttert durch (fast) beliebig viele graue Holzzylinder aus unserem persönlichen Bauvorrat. Eine Ebene nach oben oder unten müssen wir abweichen oder wir verbauen direkt einen unser wenigen gelben Holzzylinder, um (fast) beliebig hoch zu bauen. Wer keine Bauteile mehr hat, der hat verloren. Wer Bauteile oder Autos des Mitspieler umwirft, muss dieses Malheur mit eigenen Holzzylindern entschädigen. Autos darf man immer platzieren, wenn man erstmalig fremde Strassen über- oder unterbaut. Wer alle zehn Autos verbaut hat, der gewinnt. Die gelben Holzzylinder kann man zudem noch als Kreuzzungspunkte nutzen und damit in zwei verschiedene Richtungen weiterbauen. Dann sind auch Abfahrten auf den Spieltisch möglich und somit eine weitere Möglichkeit, ein Auto zu platzieren.


    Klingt einfach und spielt sich auch einfach vom Regelwerk. Dabei entstehen arg verschlungene Strassengebilde in allen drei Dimensionen. In 30 Minuten ist so eine Partie auch schon wieder vorbei und man kann gemeinsam das Strassenbauwerk bestaunen. Mir hat es bei der Anspielpartie auf der SPIEL'17 Spaß gemacht, obwohl oder gerade weil ich im vorletzten Zug zu viel wagte, etliche Strassen zum Einsturz brachte und mich somit geschlagen geben musste. Die Mischung aus Taktik und Geschicklichkeit macht das Besondere von Tokyo Highway aus. Wer taktische Bauspiele mag, sollte mal beim deutschsprachigen Shop vorbeischauen https://www.nicegameshop.com/tokyo-highway?number=ITT+1 - dort ist das Spiel zwar aktuell ausverkauft, aber nachfragen lohnt sich. Alternativ gibt es auf BGG einige Selbstbau-Varianten zu bestaunen, da das Spiel teilweise "out of print" war: https://boardgamegeek.com/boar…5463/tokyo-highway/images




    So gewollt minimalistisch Tokyo Highway sich auch präsentiert, ich hätte mir unterschiedliche Strassenfarben pro Spieler gewünscht. Eventuell die Ränder in Spielerfarbe? Weil ab einer gewissen Baudichte fiel es mir doch etwas schwierig zu erkennen, ob ich jetzt eine fremde oder doch eigene Strasse gekreuzt habe und demnach Punke oder eben nicht bekommen würde. Ebenso ist ein wenig schade, dass die angekündigte Erweitung für bis zu vier Spieler noch nicht umgesetzt wurde und sich demnach verschiebt. Datum unbekannt und wirkliche Gründe scheiterten an der Sprachbarriere - mein Japanisch ist schlicht zu schlecht und als dann später ein englischsprachige Übersetzer am Stand war, hatte mich das Spielgeschehen so eingenommen, dass ich die Nachfrage zur Erweiterung schon längst verdrängt hatte.


    So oder so ist Tokyo Highway für mich das beste Bauspiel der SPIEL'17 und deshalb eine absolute Empfehlung. Noch mehr, wenn es dann in grösserer Runde spielbar ist. Zumindest das Regelwerk gibt es dazu in einer ersten Version schon. Also doch zur Laubsäge greifen?

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