[2017] Nusfjord - Ersteindruck: Solide Kost für Aufbaufans

  • Aus gegebenem Anlass: Dies ist ein *Ersteindruck*, keine Rezension^^


    Dieser Beitrag erschien im Original auf mittwochsspielen.com

    Ich bewundere Uwe Rosenberg aufrichtig. Egal ob anspruchsvolle Klopper oder leichgewichtige Absacker: Seine Spiele funktionieren einfach tadellos, sind sauber designed und getestet. Hut ab.


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    Nun also Nusfjord, seine jüngste Kreation. Nusfjord ist ein Fischerdorf, den Rest der papierdünnen Rahmengeschichte sparen wir uns.

    Was passiert?

    In Nusfjord pflegt jeder Spieler ein eigenes Grundstück, an dem wir Schiffe anlegen lassen (bringen Fisch), Wälder aufforsten (bringen Holz), Gebäude errichten (bringen Spielvorteile) und „Älteste“ anheuern (bringen zusätzliche Aktionsfelder).


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    Unser Spieltableau


    Das Ganze läuft dem bewährten Prinzip Workerplacement und Ressourcensammelei: Jeder von uns hat drei scheibenförmige Arbeiter, die wir entweder auf zentrale Aktionsfelder in der Mitte stellen oder eben auf unsere privaten Aktionsfelder (s.o.) Wie üblich bei Spielen dieser Art erwirtschaften wir Ressourcen (Fisch, Holz, Gold), um sie wieder in Gebäude, Schiffe oder Personen zu investieren. Diese Bauten haben doppelten Nutzen in Form von Effizienzgewinnen und Siegpunkten.


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    Die "Ältesten" sind Aktionsfelder


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    Gebäude und Wälder


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    Zwei Schiffe fangen 7 Fisch


    Die Mechanismen mit denen wir an die Ressourcen kommen, sind dabei recht unterschiedlich: Holz ist am einfachsten: einmal die Axt im Wald geschwungen und schon rollen die Klafter heran. Fisch ist schon schwieriger: wir müssen Schiffe bauen, die zu Beginn einer Runde auf Fang gehen. Der so erbeutete Fisch geht aber nicht automatisch an uns, sondern muss teilweise erst zwischengelagert werden oder sogar an die gierigen Mitspieler abgetreten werden. Am seltensten ist Gold, das wir nur sehr mühselig ergattern können z.B. durch Abgabe von Fisch. Viel Fisch.


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    Luis Trenker wacht über die zentralen Aktionsfelder


    Schön ausgedacht ist der Mechanismus mit den „Ältesten“: Das sind Karten, die wir als private Aktionsfelder kaufen können. Ein „Ältester“ kann aber nicht einfach so zur Arbeit getrieben werden sondern muss erst durch eine Fischportion aus einem allgemeinen Vorrat in gute Laune versetzt werden. Dieser Vorrat ist jedoch nicht automatisch gefüllt, so dass der Einsatz dieser Extrafelder zeitlich präzise geplant werden muss.


    Sieben Runden mit je 3 Aktionen pro Spieler dauert eine Partie. Nach (bei uns) ca. 70 Minuten werden Gold und Punkte für Karten und Schiffen addiert und der Sieger gekürt.

    Wie sieht das aus?

    Nusfjord ist eher schmucklos. Ok, Fische sind fischförmig, Holz sieht wie Holz aus und die Ältesten haben zumindest ein Gesicht. Das Gold dagegen ist eher fipsig und die Gebäude sind schlichte Karten auf denen die Gebäudefunktion eher spröde mit reichlich Text dargestellt ist.

    Wie fühlt sich das an?

    Nusfjord kann seine rosenbergsche Herkunft nicht verleugnen: das private Grundstück, die scheibenförmigen Arbeiter, landwirtschaftliche Waren: Das riecht schon sehr nach Agricola. Dazu kommen die Gebäudekarten, die von Funktion und Wortwahl sehr an die Ausbildungen und Anschaffungen aus dem beliebten Landwirtschaftsklassiker erinnern: „Nach Aufforsten: Nimm +1 Gold und +2 Fisch“ heisst es da, oder „Jederzeit: Wandle 5 Fisch in 3 Holz“. Dabei ist Nusfjord aber reduzierter und kompakter: Weniger Ressourcen, keine Versorgungsproblematik, insgesamt ein straffer Spielablauf. Das gefällt.


    Die Differenzierung zwischen den einzelnen Spielern geschieht dabei primär über die Gebäude- und Ältestenkarten, die uns Spielvorteile und vor allem allerlei Synergien bieten. Um in Nusfjord erfolgreich mithalten zu können, gilt es, diese Effekte zu erkennen und sich rechtzeitig die für die eigene Strategie günstigsten Gebäudekarten zu sichern.


    Letzteres ist in Nusfjord durchaus eine Herausforderung, denn das Spiel ist lese-intensiv: Es gibt eine ganze Reihe von Karten im Blick zu halten, deren Funktion ausschließlich textuell dargestellt ist. Das ist im ersten Spiel schwer und – wenn man die Karten auf dem Kopf lesen muss – sogar sehr schwer. Und da die Kartenauswahl beträchtlich ist, wird es ein paar Partien dauern, bis man alle Kartenfunktionen so verinnerlicht hat, bis man das Spiel locker mitspielen kann.


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    Reichlich Gebäudekarten zum Durchlesen

    Macht das Spaß?

    Nusfjord wirkt wie ein Sammlung von Selbstreferenzen. Fast alles in diesem Spiel hat man bei Rosenberg anderswo schon gesehen und – wie üblich – funktioniert das nahtlos. Die (für diesen Autor) angenehm kurze Spielzeit fällt positiv auf und die vielen Verschränkungen und Synergien wollen erkundet werden. Das ist für Leute, die diese Art Spiel grundsätzlich mögen auf jeden Fall einen Blick wert.


    Mich persönlich hat Nusfjord trotzdem nicht so sehr begeistert und zwar aus drei Gründen: Zum einen finde ich das ständige und wiederholte Durchlesen der textlastigen Karten recht ermüdend. 21 Karten liegen zu Beginn in der Mitte aus und zumindest in den ersten zwei Dritteln des Spiels werden es kaum weniger. Und auch die thematische Einbindung ist – mal wieder – nur sehr zart gegeben: Ok, Schiffe holen Fisch, Wälder bringen Holz. Das passt. Die Kartenfunktionen sind aber zumeist nach dem Muster „Wenn X dann Y“ gestaltet ohne dass zwischen X und Y ein nennenswerter Zusammenhang bestehen muss. Zu guter Letzt fehlen mir die emotionalen Höhepunkte: Kettenzüge, spektakuläre Würfelergebnisse, Gegenwind von den Nachbarn, dramatisches Versagen – das fehlt hier vollständig. Wie so oft bei Uwe Rosenberg haben wir hier eher eine minuitiös ausgerechnete Solotüftelei.

    Fazit

    Nusfjord ist spieltechnisch ein gutes, vielleicht sogar sehr gutes Spiel, das ich ohne Protest jederzeit wieder mitspielen würde. Selbst kaufen oder vorschlagen würde ich es aber nicht, da mich das Thema und vor allem zu gesittete Ablauf eher kalt lassen. Für Rosenberg-Fans die ein Agricola-ähnliches Feeling in ~60 Minuten haben wollen, ist es aber gleichwohl eine Blick wert.

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  • 60 Minuten für eine Partie? Zu fünft vielleicht. Wir brauchen aktuell ~35 Minuten, solo circa 20 würde ich schätzen. Einfach vorher die Zeit nehmen und jedem alle Karten 2x laut vorlesen, dann spart man sich viel Lesezeit während des Spielens sowie hat gleich alle eventuellen Rückfragen geklärt. Im Notfall können sich auch alle nebeneinander setzen, wenn man einen langen Tisch hat, und einer ans Eck. Dann gibt es auch beim Rückversichern der Texte keine Probleme (als dass jemand auf dem Kopf lesen müsste, wie du geschrieben hast).

    Thema ist btw bei Rosenberg doch immer sekundär - finde das fast etwas picky, sowas bei ihm anzukreiden. Und die Sammlung von Selbstreferenzen stimmt zwar, die Anteile sind jedoch komplett neu, was du leider gar nicht angesprochen hast. Schade.


    Ansonsten schöner Bericht. Finde auch die Einbindung der kleinen Bilder bei dir immer sehr cool. Hoffe du behälst das bei. Schade dass dir Nusfjord nicht so gut gefallen hat wie mir und vielen anderen :)

    Lg

  • Thema ist btw bei Rosenberg doch immer sekundär - finde das fast etwas picky, sowas bei ihm anzukreiden.

    Naja ... wie ich in dem langen Thread über Rezis schrieb: ich schreibe immer nur meine individuelle Sicht nieder, meinen Geschmack :). Und mir ist das Thema immer recht wichtig, insbesondere bei "großen" Spielen. Da freue ich mich immer sehr, wenn die Mechanismen durch das Thema gestützt werden. Von daher ist das vielleicht kein Ankreiden mehr ein Anmerken.


    Ich bin bei den Spielen von Uwe Rosenberg immer hin und hergerissen. Ich bewundere seine Präzision und den Schliff, den seine Spiele habe. Gleichzeitig finde ich das solitäreske an seinen Spielen, das nebeneinander-her-optimieren ganz schlimm. "Vor den Toren von Loyang" ist so ein Spiel, dass mich nachhaltig erzürnt hat, weil man da nicht mehr sehen konnte, warum man das *zusammen* spielen sollte. Hassliebe trifft es wohl ^^

  • 60 Minuten für eine Partie? Zu fünft vielleicht. Wir brauchen aktuell ~35 Minuten,

    Bin von Viererbesetzung ausgegangen, das ist unser typisches Setup. 7 Durchgänge a 3 Aktionen macht 21 Aktionen pro Nase, also 84 Aktionen in einer Viererrunde. Die in 35 Minuten unterzubringen heisst 24 Sekunden pro Aktion inklsusive Handling und Rundeanfangsgedöns :lachwein: Das wäre selbst für unsere sehr agile Runde doch *zu* sportlich.

  • Okay, danke für die Klarstellung bezüglich des Themas :) Noch zum Abschluss dazu: wie gefällt dir Agricola? Hat ja mit den Karten noch recht viel Thema im Vergleich. Oder zumindestens kann man sich leichter etwas hineindeuten ;) Und bei Odin war der Almanach sehr toll - das Spiel selbst ist ja ebenfalls sehr mechanisch, daher wohl leider auch eher schwierig für dich :/


    Bin von 2er oder 3er-Partien ausgegangen. Dass man Nusfjord besser nicht zu 4t oder 5t spielen sollte, hat MetalPirate ja mittlerweile schon mehrfach in verschiedenen Threads treffend ausgeführt :)

    Lg

  • Meine Frau und besitzen und spielen sehr gerne Ora et Labora, Caverna und Ein Fest für Odin. Alle drei Spiele sprechen uns total an.

    Wir reden stundenlang nach ein Partie Ein Fest für Odin.

    Nusfjord dagen hat uns nicht angesprochen. Wir sind sehr gespannt auf Reykholt.


    Vielen Dank für den ausführlichen Ersteindruck.

  • Gleichzeitig finde ich das solitäreske an seinen Spielen, das nebeneinander-her-optimieren ganz schlimm.

    Ich fand grad bei Nusfjord die Anteile und die Fische für die Ältesten überraschend interaktiv: Wenn ich Fische serviere, ermögliche es anderen, sie zu benutzen. Un bei den Anteilen komme ich schnell zu viel Gold, muss die Anteile aber danach mit Fisch bedienen, wenn ich sie nicht selbst zurückkaufe.


    Aber natürlich sind die Uwe-Spiele insgesamt nicht die interaktivsten. :)

  • Nusfjord hat mich auch ein wenig zwiegespalten zurückgelassen. Einerseits finde ich die relativ überschaubare Spielzeit positiv, aber andererseits ist es auch mir ein wenig zu solitär und unspannend.


    Die Ausstattung fand ich in Ordnung, daran habe ich nichts auszusetzen, bis auf die wirklich winzigen Goldmünzen. Da hätte man die Ablagen gerne doppelt so groß machen dürfen und die Münzen dementsprechend auch.


    Bei manchen Anschaffungen, bei denen man Schiffe zum Erwerb abgeben muss, hätte auch dies ein wenig deutlicher hervorgehoben werden können. In der Erstpartie haben wir das zweimal übersehen, dass neben anderen Dingen auch noch ein Slup oder eine Kogge hätten abgegeben werden müssen. Das wurde erst später entdeckt und dann konnte man den Zug nicht mehr rückabwickeln. Das ist etwas unglücklich dargestellt.

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    Zu Agricola kann ich nur halb was sagen weil ich da befangen bin (war damals Testspieler). Nur so viel:


    Agricola empfand ich damals als spieltechnischen Meilenstein der sowohl von den Mechanismen als auch der thematischen Einbindung ganz außergewöhnlich ist. Und der Langzeiterfolg zeigt, wie robust dieses Design ist.


    Thematisch ist Agricola echt griffig: ackern, säen, ernten. Zäunen, Tiere holen, vermehren. Häuser bauen und Familie vergrößern. Das passt alles wie geritzt. Klar, die Karten sind eher technischer Natur aber das stört nicht, weil die Hauptbühne des Spiels einfach so rund ist.

  • Für mich ist die Überraschung eher, dass es mit den Aktien und der kollektiv zu befüllenden bzw. zu entleerenden Tellerleiste zwei schöne und außerdem hochgradig interaktive Elemente drin hat, die eben keine Selbstreferenzen sind. Ebenfalls, wenn auch in geringerem Maße, Rosenberg-untypisch sind die Fokussierung auf nur drei Ressourcen (anstatt Materialschlacht) und die Enge beim Worker Placement anstelle des "jeder bekommt irgendwie, was er will, nur evtl. etwas schlechter/teurer" bei Ein Fest für Odin.


    Was natürlich absolut Rosenberg-typsich ist, sind die strategischen Komponenten. Ein Haufen Möglichkeiten, diverse Boni und Endwertungseffekte, die man über Gebäude erwerben kann, und man muss passende Kombos und Synergien finden. Aber genau das will man doch haben, wenn man ein Rosenberg-Spiel kauft, das ist nun mal sein Spieldesign, seine Stärke als Autor. Nach mittlerweile einigen Spielen sage ich: die Balance passt, in den Kartendecks ist schön viel Variation drin, es gibt viele strategische Möglichkeiten zu entdecken. Die meisten neuen Spiele kommen nicht so schnell so oft auf den Tisch.


    Alles in allem finde ich Nusfjord sehr gelungen. Ich bin positiv überrascht. Mit ein paar kleineren Schwächen kann ich gut leben. An die etwas biedere Aufmachung gewöhnt man sich schnell (lieber keine hübsche Grafik auf den Karten, aber dafür der Text in vernünftiger Größe), die Mini-Goldmarker sind schnell mit Metallmünzen oder gelben Holzscheiben ersetzt, und was dann bleibt, ist ein wunderbar flottes, interaktives, toll auf den Punkt gebrachtes Rosenberg-Strategiespiel, das auch in vernünftiger Zeit auf- und wieder abgebaut ist. Darf bei mir in der Sammlung bleiben und hat dort das überladene Ora et Labora rausgekickt.

  • Nach mittlerweile einigen Spielen sage ich: die Balance passt,

    Ich habe inzwischen 2-3x gehört, dass der 4. Spieler der ersten Runde im Nachteil sein soll, weil als einziger keinen Ältesten anheuern kann. Ich glaube das erstmal nicht, da Uwe Rosenberg sicherlich nicht so einen offensichtlichen Fehler ins Spiel einbauen würde.

    Aber dennoch: welche gleichwertige Aktion kann der 4. Spieler denn machen?

  • Ich sehe nicht, dass man mit der ersten Aktion unbedingt einen Ältesten anheuern müsste. Wer als erstes Holz hackt, hat den ersten Zugriff auf Gebäude, die Holz erfordern bzw. kann zuerst Schiffe bauen. Wer als erstes gleich eine Aktie ausgibt, hat (idR) den ersten Zugriff auf Gebäude, die Gold erfordern (oder kann sich auf dem Aktienmarkt betätigen mit weiteren Ausgaben und Rückkäufen; so lange die anderen kein Gold haben, sind ihnen dort die Hände gebunden). Manchmal gibt's auch Gebäude, die nur Fisch brauchen, und auch das kann sich im ersten Zug lohnen und eine passende Strategie ergeben.


    Das Einzige, was für mich überhaupt nicht passt, ist die Spielerreihenfolge im 5er-Spiel. Die ist für mich komplett daneben, da müsste unbedingt ein Startspielerausgleich her, sonst ist das völlig unbalanciert.

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